Tag 1 – Malte

Der Einkaufswagen war wesentlich voller als geplant und die ›alte‹ Weisheit ›Kaufe nicht hungrig ein‹ schien sich bestätigt zu haben. Auf dem Weg zur Kasse ärgerte sich Malte darüber, dass sich die Obst- und Gemüseabteilung am Eingang des Supermarktes befand, weshalb man ständig genötigt war, alle Sachen im Wagen umzuräumen, um die Früchte nicht zu zerdrücken.

Er erinnerte sich, einen Bericht über Verkaufspsychologie gelesen zu haben. Das eine oder andere war sogar hängengeblieben. Ziel eines jeden Geschäftes war es, den Kunden so lange wie möglich im Laden zu halten. Die Obstabteilung am Markteingang und die Hintergrundmusik bremsten den eiligsten Feierabendeinkäufer aus.

Dass er den Einkaufskorb im Auto hatte liegen lassen, rundete seinen Frust ab, denn das bedeutete, dass ihm am Fahrzeug nichts anderes übrig blieb, als alles erneut umzupacken.

Dann war er mit seinen Gedanken zurück im Supermarkt und irgendwie schlichen immer wieder dieselben Leute in denselben Gängen wie er herum. Das hatte etwas von einer Verschwörung, war aber bei genauerem Nachdenken logisch. Die meisten Käufer hatten einen ähnlichen Weg durch den Markt, durch die gleichen Verkaufsfallen. Man musste sich zwangsläufig immer wieder begegnen. Beim Versuch, die nervigen Mitkunden mit einem längeren Aufenthalt in der Zeitschriftenabteilung zu umgehen, stellte er fest, dass das Problem grundsätzlich dasselbe blieb, es waren nur andere Leute, die ihm jetzt im Weg standen. Andererseits war er für diese selbst ›andere Leute‹.

An der Kasse angekommen, traf er seinen Freund Robert Kempf und dessen Frau Birgit, die ein Paket Toilettenpapier auf das Band legte, als das Licht ausging.

Er sah Birgit nur noch als Silhouette und hörte überraschte Rufe. Dosen fielen scheppernd aus den Regalen, vermutlich hatte jemand seinen Wagen hinein gelenkt. Vom Parkplatz ertönte das Geräusch des Aufeinandertreffens von Metall und zersplitterndem Glas. Ein weiterer Schlag von Metall gegen Glas, diesmal ohne dass das Letztere zerbrach, kam vom Eingang. Die automatische Schiebetür hatte sich nicht mehr geöffnet und ein Kunde war mit dem Einkaufswagen dagegen gefahren.

»Habt ihr eure Stromrechnung nicht bezahlt?«, witzelte Robert.

»Natürlich«, reagierte die Verkäuferin, »wir möchten unseren Kunden ein neues Einkaufserlebnis bieten: den Dunkelsupermarkt!«

Malte sah sich um: Nicht nur die Deckenbeleuchtung war ausgefallen, auch die sonst beleuchteten Tiefkühl- und Kühlregale waren dunkel, selbst das vertraute Surren der Kühlaggregate war nicht mehr zu hören.

»Bestimmt haben die bei den Straßenarbeiten an der Hauptstraße ein Kabel erwischt«, mutmaßte Robert.

Der junge Mann, der hinter Malte stand, meldete sich zu Wort: »Wir haben vor einer halben Stunde Feierabend gemacht.«

»Bestimmt habt ihr irgendwas angeknackst und das ist nur eine Spätfolge.«

»Wenn Sie meinen, dann wird das wohl so sein! Mein Handy geht übrigens auch nicht, da haben wir wohl noch ein Kabel erwischt.«

»Mein Handy geht auch nicht mehr«, wunderte sich die Verkäuferin.

Malte holte sein eigenes Mobiltelefon heraus und stellte fest, dass es ebenfalls nicht funktionierte. Sonderbar, dass die Akkus von drei Handys gleichzeitig leer waren, und dass die Notausgangsbeleuchtung ebenfalls dunkel war.

Am Ausgang hatte sich mittlerweile ein kleiner Auflauf gebildet, Robert hatte sich durchgedrängelt und versuchte, die Tür aufzuschieben.

»Warten Sie, Herr Kempf, man muss die Tür erst entriegeln. Ich hole eine Leiter«, erklärte ein Verkäufer.

Das war der Vor- und Nachteil, wenn man im Dorf lebte, dachte Malte, man war schnell mit Namen bekannt.

Der Verkäufer kehrte mit der Leiter zurück, entfernte die Verschalung und zog am Entriegelungsbolzen.

»Versuchen Sie es bitte noch einmal«, bat er.

Robert schob die Tür auseinander und die Menschen drängten durch den Ausgang. Die warme Luft von draußen drückte in den Supermarkt.

»Könnt ihr ohne Strom überhaupt kassieren?«, fragte Malte die Verkäuferin.

»Die Scanner gehen nicht, wir müssen warten, bis der Strom wieder geht. Außerdem verriegelt die Kasse elektronisch.«

»Kartenzahlung dürfte ausgeschlossen sein?«

»Witzbold«, antwortete die Kassiererin, aber Malte sah sie lächeln. »Eigentlich haben wir ein Notstromaggregat. Ich weiß nicht, ob damit die Kassen versorgt werden.«

»Werden sie nicht«, erklärte Ralf Müller, der Supermarktleiter. »Die sollen Tiefkühl- und Kühlregale versorgen. Ich schaue mal nach.«

Die Augen gewöhnten sich langsam an den dunklen Markt. Malte warf einen Blick in den eigenen Einkaufswagen und erkannte schemenhaft die darin liegenden Artikel. Bis auf die Tiefkühlpizza war alles nicht von einer Kühlung abhängig und er überlegte, die Pizzen zurück ins Regal zu bringen und den Wagen stehen zu lassen. Wenn der Strom gleich wieder funktionierte, wäre das unnötig und er hatte den Eindruck, dass dieses Spiel nicht zu gewinnen war: Ginge er weg, würde der Strom schnell wieder funktionieren, blieb er in der Schlange, würde es Stunden dauern. Die ersten Kunden ließen ihre Wagen stehen und strebten zum Ausgang.

Ein paar Minuten werden die Pizzen noch durchhalten, dachte Malte und folgte der Menge hinaus.

Der Unfall, den man eben gehört hatte, hatte sich zwischen einem Audi A3 und einem Land Rover ereignet. Glücklicherweise gab es nur Materialschaden auf beiden Seiten.

Interessanterweise schüttelte Carl Holzer, der Fahrer des Land Rover, ebenfalls sein Handy.

So wie es schien, war der Audi aus der Parklücke herausgefahren und hatte den Land Rover hinten eingedrückt. Andreas Pape, der Fahrer des Audis, musste den Geländewagen übersehen haben. Malte kannte ihn ebenfalls aus dem Gemeinderat.

»Du hättest aber noch bremsen können«, warf Pape seinem Gegner vor und schob seine Brille nach oben, die ihm sofort wieder den Nasenrücken herunterrutschte.

»Hab ich, aber der Motor ging aus und weder die Servolenkung noch der Bremskraftverstärker haben funktioniert«, erklärte Holzer, der sicherlich das ein oder andere Feierabendbier getrunken hatte. Das würde auch erklären, wieso sie erst jetzt über die Ursache des Unfalls grübelten. Leicht angetrunken war Holzer sehr redselig und wiederholte seine Argumente gerne mehrmals.

Die beiden diskutierten über die Reparatur der Schäden und Holzer gab sich Mühe auszuhandeln, dass die Angelegenheit an der Versicherung vorbei und ohne Polizei geregelt wurde.

Malte ließ seinen Blick über den Parkplatz streifen und erst jetzt fiel ihm auf, dass sich kein Fahrzeug bewegte. Nicht nur das, die Landstraße, die direkt am Supermarkt vorbeiführte, war unbefahren und die sonst üblichen Fahrgeräusche waren verstummt. Er wollte sich den Unfallschaden genauer anzuschauen, als er eine junge Frau bemerkte, die tränenüberströmt vor ihrem Seat Ibiza stand. In der rechten Hand hielt sie den Schlüssel, auf den sie wiederholt drückte, mit der linken rüttelte sie an der Fahrertür.

»Hab keine Angst«, schluchzte sie, »Mama ist gleich bei dir!«

Malte hob die Brauen. Offensichtlich war dort ein Kind eingeschlossen. Er und andere, die das mitbekommen hatten, eilten, zu der Frau.

»Bitte helft mir, meine Lara ist im Auto eingeschlossen!«, flehte die junge Frau.

Beim Auto angekommen sah er den Kindersitz, darin lag ein schlafendes Mädchen und die Abendsonne brannte auf das Auto herunter.

»Man lässt kein kleines Kind alleine im Fahrzeug!«, tadelte Robert. »Wieso hat der kein Schloss? Warum bauen die so etwas?«

Die junge Frau schaute verzweifelt aus: » Mein Mann hat den selber so umgerüstet.«

»Wieso … ach egal. Es wird doch irgendeine Möglichkeit geben, ohne Fernbedienung in das Auto zu kommen!«, sagte Robert.

»Ich habe nur die Einkäufe eingeräumt, Lara ins Auto gelegt und den Einkaufswagen zurückgebracht. Das waren keine zwanzig Sekunden«, stammelte die Mutter.

Robert schlug vor: »Wir können mit einem Hammer eine Scheibe einschlagen. Vielleicht fällt aber jemand etwas Besseres ein?«

… das Kapitel ist hier noch nicht fertig, in dieser Leseprobe schon.