Tag 1 – Lukas

Trotz des warmen Wetters war das Forum an diesem Tag belebt, weshalb Lukas und Sören öfter hintereinander statt nebeneinander liefen. Wie die meisten Jungen zwischen vier und vierundneunzig Jahren wurden die zwei wie magisch vom Elektronikmarkt angezogen. Sie ließen die weiße Ware gänzlich unbeachtet und strebten zu den Regalen mit den Spielen für die Playstation am hinteren Ende des Marktes. Dort verhielten sich die Jugendlichen typisch männlich und versuchten, sich gegenseitig mit ihren Fachkenntnissen über die Produkte zu übertrumpfen. Die waren, gesammelt, zumindest so fundiert, dass der anwesende Fachverkäufer keine Chance hatte.

»Lass uns ein Eis essen gehen!«, schlug Lukas vor.

»Wir waren eben erst bei Burger King«, widersprach Sören.

»Eben erst? Wir sind schon ewig hier«, reagierte Lukas, »und ein Eis passt immer rein.«

»In die Eisdiele oder unten?«, fragte Lukas.

»Unten«, beschloss Sören und sie machten sich auf den Weg zum Eisverkaufsstand im Erdgeschoss.

Erneut eilten sie durch das Obergeschoss, sodass sie von der Galerie aus die unten laufenden Leute beobachten konnten. Sie betraten die Rolltreppe und stellten sich hintereinander auf die Stufen. Lukas vorn, Sören hinten.

Lukas’ Blick fiel auf das grüne Logo des Buchladens im Obergeschoss: »Wird das eigentlich mit zwei oder mit drei Silben ausgesprochen?«

Sören sah in verständnislos an: »Was?«

Lukas deutete auf das Logo: »Zweisilbig oder drei?«

»Wen interessiert das? Über was Du Dir Gedanken machst! Wollen wir nachher noch zocken?«

Lukas überlegte laut: »Klar. Was wollen ….«

Als die Rolltreppe abrupt stoppte, mussten sich die Jungs festhalten, Sören knallte leicht gegen Lukas.

»Mensch, pass doch auf«, schimpfte der und hielt sich krampfhaft am Handlauf fest.

Im ganzen Einkaufszentrum waren überraschte Rufe zu hören. Dem Mann, der auf der gleichen Rolltreppe fast unten angekommen war, gelang es nicht mehr, sich festzuhalten und er fiel die beiden letzten Stufen hinunter. Die Tüten, die er trug, platzten auf und ihr Inhalt verteilte sich am Ende der Treppe.

»Wow!«, war das Erste, was Sören herausbrachte.

Von seiner Position auf der Rolltreppe sah Lukas, wie von der linken Seite ein Lkw in sein Blickfeld auf die Straßenkreuzung raste und die auf der Kreuzung liegen gebliebenen Autos etwa zehn Meter vor sich her schob, bevor er komplett zum Stehen kam.

»Nein«, flüsterte Lukas, »nicht cool, gar nicht cool. Lass uns schauen, ob wir helfen können!«

Sören sah ihn entgeistert an: »Hast du das gesehen? Der Lastwagen hat die Autos einfach weggeschoben!«

»Es gibt bestimmt Verletzte, denen wir helfen können!«

Die Jungs verließen die Rolltreppe, rannten durch die geöffneten Türen nach draußen, blieben auf dem Platz vor dem Eingang stehen und sahen sich um. Die Ampeln waren ausgefallen und kein einziges Fahrzeug lief. Überall hatten sich Autos ineinandergeschoben.

Sie näherten sich den Fahrzeugen, die vom Lkw zur Seite geschoben worden waren. Aus einigen Autos stiegen Menschen aus, andere blieben sitzen, wenige bewegten sich nicht.

»Ob die tot sind?«, flüsterte Sören.

Lukas erschauerte bei dem Gedanken und klopfte an die Scheibe des Skodas, neben dem sie standen. Auf dem Fahrersitz saß eine Frau und sie war entweder ohnmächtig oder tot. Nachdem eine Reaktion ausblieb, öffnete er die Tür, und die Fahrerin sackte ein wenig in seine Richtung, wurde aber vom Sicherheitsgurt gehalten. Eine sichtbare Verletzung erkannte er nicht.

Lukas griff nach ihrem Handgelenk und prüfte den Puls: »Sie lebt.«

… das Kapitel ist hier noch nicht fertig, in dieser Leseprobe schon.