Tag 1 – Laura

»Okay, wir versuchen es noch einmal«, rief Laura in die kleine Schulturnhalle.

Endlich hatten sich ihre Mädels, achtzehn Stück, alle sechs bis acht Jahre alt, aufgestellt und Laura bückte sich, um den CD-Spieler zu starten.

Das gewohnte Anlaufen des CD-Tellers blieb aus und sie drückte noch mal. Wieder reagierte das Abspielgerät nicht. Sie kontrollierte den Stromanschluss am Player und den Stecker in der Steckdose.

»Na toll«, sagte sie, »ausgerechnet jetzt geht dieses Mistteil kaputt.«

Das Gerät hatte in letzter Zeit ohnehin das Abspielen einiger CDs verweigert, die meisten ihrer MP3-CDs hatte er erst gar nicht angenommen.

»Okay die Damen, wie ihr bemerkt habt, läuft die Musik nicht, wir werden das trocken üben.«

»Können wir nicht etwas spielen? Ohne Musik zu tanzen … macht keinen Spaß«, sagte Mariella.

»Wir üben das Stück noch einmal trocken, danach ist Schluss für heute.«

Sie hörte die Eingangstür, ein untrügliches Zeichen, dass die ersten Eltern zum Abholen gekommen waren.

»Los die Damen! Eins, zwei, drei, vier«, zählte Laura an und dann mit Betonung auf »Eins« weiter.

Da die Musik als Orientierung fehlte, sagte sie zwischendurch die Figuren an. Stolz beobachtete sie, wie ihr Team die Choreografie fehlerlos meisterte. Sie kannte Tanzgruppen deren Tänzerinnen älter waren als ihre und die das nicht so gut hinbekamen.

 »Wunderbar, das war ein gelungener Abschluss, ich würde sagen, wir machen Schluss für heute!« Sie rieb sich zufrieden die Hände.

Die Mädchen strömten in Richtung der Umkleidekabine, während drei Mütter die Halle betraten.

Laura wollte die kurze Gelegenheit nutzen, um die Neuigkeiten bei Instagram anzuschauen, aber ihr Handy ging nicht an.

War der Akku eben nicht fast dreiviertel voll gewesen?

Als die Mütter bei ihr ankamen, legte sie das Smartphone weg.

»Hallo Laura, alles klar bei euch?«, fragte Maike Zinn mit einem besorgten Unterton.

»Ja, heute haben die Mädels super mitgemacht, nur mein CD-Spieler hat sich endgültig verabschiedet.«

»Warte noch, bis du dir einen neuen kaufst, anscheinend ist im ganzen Dorf der Strom ausgefallen.«

»Wie gut, dass die Mädchen direkt nach dem Training noch nicht duschen und nicht föhnen müssen!«

»Laura!«, rief Mariella aus der Toilette, »die Spülung ist kaputt!«

»Wie? Kaputt? Da klemmt bestimmt nur etwas«, antwortete Laura, ging zur Toilette und drückte auf die Spülung. Außer einem leichten Rinnsal kam nichts.

»Das ist auf allen Klos so«, sagte eines der anderen Mädchen.

Ein Drittes stand vor dem Waschbecken und beobachtete, wie die Tropfen aus dem Wasserhahn kamen: »Hier kommt auch nix!«

Maike war Laura gefolgt und vermutete: »Es scheint kein Druck auf der Leitung zu sein.«

»Hängt das Wasser vom Strom ab?«, fragte Laura.

Maike runzelte die Stirn: »Ich habe mir noch nie Gedanken darüber gemacht, wie das Wasser ins Haus kommt.«

»Wasserdruck?«, vermutete Laura, »Wird der nicht irgendwie durch Schwerkraft aufgebaut?«

»So oder so, die Toiletten sollten vorerst nicht mehr benutzt werden«, schlug Maike vor.

»Gute Idee«, stimmte Laura zu und rief lauter hinterher: »Habt ihr das alle gehört? Bitte nicht mehr die Toiletten benutzen, hebt es euch für daheim auf!«

Weitere Eltern kamen an und berichteten davon, dass ihre Autos nicht angesprungen waren.

»Keine Fernentriegelung und nicht mal ein Klacken, wenn man den Schlüssel umgedreht hat!«, erklärte Mariellas Vater.

Mittlerweile stand Laura mit den Eltern und den restlichen Kindern vor der Turnhalle. Bis dahin waren nur die Hälfte der Mädchen abgeholt worden. Das war ungewöhnlich, es kam zwar hin und wieder vor, dass sich jemand verspätete, aber nie so viele auf einmal.

»Vielleicht werden nicht alle Kinder abgeholt?«, vermutete Laura.

»Ich kann Kathrin mitnehmen, die wohnt direkt neben uns«, bot Mariellas Vater an.

 Fünfzehn Minuten später wartete Laura nur noch mit zwei Mädchen vor der Halle, als Maike zurückkam.

»Ich habe Pauline nach Hause gebracht, die wird von der Oma versorgt«, erklärte sie, »und ich wollte nachschauen, ob du zurechtkommst.«

»Danke dir! Ich klemme gerade noch einen Zettel an die Tür, falls doch jemand kommt. Dann wollten wir loslaufen, Nadja nach Hause bringen. Emily kommt noch mit zu mir und wird dort von ihren Eltern abgeholt.«

Die Eltern des Mädchens arbeiteten beide in Frankfurt und Laura hatte ihnen angeboten, ihre Tochter nach dem Training mit nach Hause zu nehmen, bis beide von der Arbeit zurück waren.

»Was dagegen, wenn ich euch begleite?«

»Nein, im Gegenteil!« Laura klebte den Zettel an die Glastür, schloss ab und die vier machten sich auf den Weg.

Umbach hatte ungefähr 2.400 Einwohner und, wenn man von den paar Aussiedlerhöfen und dem Hofgut absah, gab es im Dorf keine weiten Wege. Die Tatsache, dass Nadja an einer vollkommen anderen Ecke als Laura wohnte, war deshalb nicht dramatisch.

Zwischen Wetzlar und Gießen gelegen war es bis kurz nach dem Krieg eine eher kleine Siedlung. Erst durch die Vertriebenen war die Bevölkerungszahl rasant angewachsen. Um den alten Ortskern mit Fachwerkhäusern und der Steinkirche aus dem 16. Jahrhundert wurden in den Fünfzigerjahren die typischen, gleichen, kleinen Siedlungshäuser gebaut, von denen mittlerweile viele mit Gauben und Anbauten individueller aussahen.

Die ursprünglich vielen kleine Läden, der Metzger und der Bäcker waren in den letzten Jahrzehnten verschwunden und durch den Supermarkt am Dorfrand ersetzt worden. Die alteingesessene Gastronomie war nicht mehr vorhanden, ein italienisches Restaurant und ein türkischer Imbiss boten sich als kulinarische Treffpunkte im Dorf an.

Auf ihrem Weg entfernten sich Laura und die anderen zunächst vom Dorfzentrum und waren relativ schnell bei Nadjas Haus. Sie drückte die Klingel, hörte diese nicht und klopfte deshalb sofort an die Tür.

»Kein Strom«, schlussfolgerte Maike.

Nach einer kurzen Weile hörten sie, wie jemand im Haus die Treppe hinunterkam, die Großmutter des Mädchens öffnete die Tür: »Hallo Nadja! Hallo ihr drei!«

Sie umarmte ihre Enkeltochter und fragte: »Wo ist denn deine Mama?«

Laura antwortete: »Bis eben war sie nicht da, wir haben einen Zettel an der Turnhalle hinterlassen und bringen die Kinder nach Hause, die nicht abgeholt wurden.«

»Das ist lieb von euch! Bei uns ist der Strom ausgefallen!«

»Wohl im ganzen Dorf«, sagte Maike, »und kein Auto springt an.«

Sie verabschiedeten sich und machten sich auf den Weg quer durch das Dorf. An der Hauptstraße angekommen, sahen sie einen Lkw, der einen Van in die Bushaltestelle geschoben hatte. Laura zuckte zusammen, denn sie erkannte den Ford Galaxy von Nadjas Mutter und so, wie das Fahrzeug verformt war, wollte sie, speziell mit Emily, nicht näher herangehen.

Sie griff nach Emilys Arm und Maike musste ähnlich gedacht haben, denn sie nahm ihre andere Hand und sagte: »Kommt, wir gehen an der Kirche vorbei!«

Die Straßen waren, bis auf wenige Spaziergänger und Fahrradfahrer, leer. Erst jetzt fiel Laura auf, dass von der A 45, die man normalerweise im halben Dorf hörte, kein Lärm wahrzunehmen war.

Jonas, ein ehemaliger Mitschüler von Laura, kam ihnen auf seinem Fahrrad entgegen und hielt an: »Habt ihr das Flugzeug vorbeisegeln sehen?«

»Hallo Jonas«, antwortete Laura kühl, »Nein. Was ist so Besonderes an einem Segelflugzeug?« »Nein, kein Segelflugzeug, eine Passagiermaschine, zweistrahlig, aber groß, Airbus oder Boeing, die ist lautlos über die A 45 hinweggesegelt! Unglaublich! Ob die auch einen Stromausfall an Bord hatten?«

… das Kapitel ist hier noch nicht fertig, in dieser Leseprobe schon.