MMMM Markus Mittwoch Manuskript Meeting
Markus‘ Mittwoch Manuskript Meeting mit Anna Dugall (Autorininterview)

Markus‘ Mittwoch Manuskript Meeting mit Anna Dugall (Autorininterview)

Mit dem Schreiben ist es ein wenig so, wie mit einem neuen Auto: Sobald man ein neues hat, fällt einem auf, wie viele andere Autos des gleichen Modells (und der gleichen Farbe) herumfahren. Die Autorencommunity in Deutschland scheint riesig zu sein und auf Twitter, Instagram und Facebook trifft man sich (oder auf den Buchmessen). Als ich an meinem Cover gewerkelt habe, bin ich über die Titelseite eines Thrillers gestolpert, die mich richtig fasziniert war. Das Buch dazu ist „Stille unter der Erde“ von Anna Dugall

MARKUS: Hallo Anna, danke, dass du mich an den Termin erinnert hast!

ANNA: Hallo Markus, erst danke ich Dir für diese Gelegenheit. ????Die „Erinnerung“ sollte gar nicht als solche herüberkommen, aber ich habe mit der Technik schon alles Mögliche erlebt, da habe ich irgendwie ein zerstörerisches Karma.

MARKUS: Gibt es noch eine Möglichkeit dein Frühwerk „Meinst du, ein Monchichi kann fliegen“ irgendwo zu lesen? Und konnte der Monchichi nun fliegen oder nicht?

ANNA: Oh, das ist schon so lange her, da war ich in der 5. Klasse. Ich glaube, ich habe damals zum ersten Mal gemerkt, dass meine Interessen sich von denen meiner Mitschüler unterschieden haben. Klar, ich war auch ein Pferdemädchen. Aber ich habe mir damals schon gerne Dinge angeschaut und Geschichten daraus gebastelt und viel gelesen. Einfach, weil es mir Spaß gemacht hat. Das kam bei manchen schräg an, aber die Liebe zum Schreiben wurde, glaube ich, in dieser Zeit geboren. Ich kann ja mal auf dem Dachboden schauen, ob es mein „Meisterwerk“ noch gibt ????

MARKUS: Anna Dugall. Wie bist du auf den Namen gekommen und weshalb ein Pseudonym?

ANNA: Die Frage, ob ich unter einem Pseudonym schreibe, hat sich für mich nie gestellt. Mir war von Anfang an klar, dass ich nicht unter meinem realen Namen Bücher veröffentlichen möchte. Warum, kann ich gar nicht genau sagen. „Anna“ habe ich meiner Familie, speziell meiner Mutter gewidmet und der Nachname kommt aus dem schottischen und bedeutet „dunkler Fremder“. Ich bin ja quasi ein Fremder auf dem Buchmarkt, der düstere Geschichten schreibt. Für mich war nur klar, der Nachname muss aus dem schottischen Sprachraum kommen und dieser gefiel mir besonders gut.

MARKUS: Man merkt in „Stille unter der Erde“ deine Begeisterung für Schottland und Edinburgh. Hat es euer Guide in den Vaults als Charakter in das Buch geschafft?

ANNA: Vorweg: Die Vaults faszinieren mich bis heute, obwohl ich sie vor zehn Jahren zum letzten Mal besucht habe. Die Gewölbe sind etwas Besonderes und meine Agentur im Buch entspricht tatsächlich einer realen Touristenagentur, Mercat Tours. Wer in Edinburgh Geschichte erleben möchte, sollte eine Tour bei Mercat buchen. Fiesling Colin habe ich natürlich erfunden, die Guides dort sind eher wie Kilian, wirklich gute Erzähler und Schauspieler. Etwas Vergleichbares habe ich nie wieder erlebt. Du merkst schon, Edinburgh und speziell die Vaults lassen einen nicht mehr los ????

MARKUS: Die Familie von Nathaira (die Protagonistin aus „Stille unter der Erde“) ist nicht wirklich intakt. Ist sie komplett Fiktion oder kennst du ähnliche Familien?

ANNA: Sie ist reine Fiktion. Ich könnten mir aber vorstellen, dass Familien am Verlust eines Kindes bzw. einer Zwillingsschwester zerbrechen. Vor allem, wenn derjenige vermisst wird. Man kann nicht richtig trauern, denke ich. Aber wirklich nachvollziehen kann diese Gefühle vermutlich nur jemand, der schon einmal so eine furchtbare Situation durchleben musste. Das Schlimmste für mich war der Tod eines Freundes, ebenfalls ein Zwilling, in einer großen Clique als ich zwanzig war und seine Beerdigung. Jeder reagiert anders auf einen Verlust und ich wollte möglichst viele Facetten davon zeigen.

MARKUS: Ich finde, du neigst dazu, sehr präzise Stimmungen und Sinneseindrücke zu beschreiben. Teilweise auch mit Wiederholungen, so, dass sich das richtig in meinem Kopf festgebrannt hatte. Gibst du da auch wenig aus deiner eigenen Gefühlswelt wieder? Ich denke da z. B. an die „fettige Soße in den Barthaaren“.

ANNA: Tatsächlich finde ich Speisereste in Bärten ein wenig eklig. ????Es stimmt schon, mir ist die Gefühlswelt meiner Charaktere wichtig und um sie abzubilden, wühle ich manchmal ein wenig in mir selbst. Ich wünsche mir, dass meine Leser die Eindrücke meiner Figuren nachvollziehen können. Gefühle und Sinneseindrücke machen uns Menschen doch aus und warum sollte das nicht für eine Figur in einem Buch gelten?

MARKUS: Ich verbinde mit Schottland den Highlander, die Simple Minds, Braveheart, Dudelsackmusik, Haggis, Highland Games, Sean Connery und Whiskey und war selbst leider noch nicht dort. Bin ich damit bei dir „unten durch“ oder ist das zumindest schonmal ein „guter Anfang“?

ANNA: (lacht) unten durch? Keineswegs J Schottland hat viele Facetten, es kommt darauf an, in welchem Teil des Landes du unterwegs bist. Um das Land wirklich kennenzulernen, reicht ein Urlaub nicht. Zum Beispiel wirst du den mystischen Mittelaltercharme von Edinburgh in Inverness nicht finden. Das „Tor der Highlands“ hat andere Vorzüge. Die Menschen auf den Hebriden sind anders als die in den Highlands und in den Lowlands ticken die Uhren noch einmal anders. Aber alle sind rau und herzlich. Ich glaube, je weiter du in den Norden kommst, desto verwurzelter fühlen sich die Schotten mit ihrem Land und ihren Traditionen. Wenn man bedenkt, dass man für das Tragen eines Kilts um 1747 unter Umständen ins Gefängnis wandern konnte, kann man verstehen das der Kilt und die Great Highland Bagpipe zum Aushängeschild von Schottland wurden. Aber Schottland ist weit mehr als Kilt und Dudelsack. ????

MARKUS: Wie bist du beim Schreiben vorgegangen? Plottest du? Entdeckst du? Recherchierst du, wenn es notwendig ist, oder baust du die Welt, bevor du mit dem Schreiben anfängst?

ANNA: Ich bin tatsächlich ein „Planer“ aber das musste ich auch erst lernen. ????Mir muss vorher klar sein, wo die Geschichte spielt, wie es dort aussieht und ob Protagonist und Antagonist das Ende überleben. Ich gehe sogar so weit, dass ich mir vorher die Handlung in Szenen grob aufschreibe. Das heißt nicht, dass unterwegs nichts mehr geändert werden darf, aber ohne Plan verliere ich mich in der Geschichte und komme unter Umständen nie ans Ziel.

MARKUS: Welches (bekannte) Buch hättest du gerne geschrieben? Und wieso?

ANNA: Oh (lacht) da gibt es gleich mehrere. J Die meisten davon hätte ich gerne geschrieben, weil ich sie großartig finde. „Shining“ zum Beispiel von Stephen King oder „Im Koma“ von Joy Fielding. Beide Autoren gehören zu meinen großen Vorbildern. In Shining mag ich die Verwandlung von Jack Torrance. Aus einem Hausmeister wird ein Monster und so etwas finde ich genial, vor allem wenn das innere Erleben der Figur so gekonnt in Szene gesetzt wird. Vielleicht ist mir auch die Gefühlswelt meiner eigenen Figuren so enorm wichtig.

MARKUS: Wie bist du zum Schreiben gekommen?

ANNA: Das Schreiben hat mich mein Leben lang begleitet und die Liebe dazu war immer da. Ich wollte nie etwas anderes, das kann jeder in meiner Familie bezeugen. Um beim Schreiben zu bleiben, habe ich Redakteurin gelernt, obwohl ich heute etwas ganz anderes mache. Für „Stille unter der Erde“ habe ich mir schließlich einen Coach gesucht. Letztendlich war das genau der Anstoß, den ich gebraucht habe.

MARKUS: Hast du Schreibroutinen? Wie planst du deine Schreibzeit mit Beruf und Familie?

ANNA: Schreibroutinen sind in meinem Fall nicht immer ganz einfach einzuhalten. Ich arbeite als medizinische Schreibkraft in einer Arztpraxis und dort arbeiten wir in Schichten. Das heißt, ich muss meine Schreibzeiten um diese Schichten herum planen. Deswegen liebe ich meine zwei freien Tage in der Woche, die gehören ganz und gar meinen Büchern. Mein Mann unterstützt mich, indem er mir dieser Freiräume lässt und dafür bin ich dankbar. Schaffe ich es einen Tag mal nicht, etwas zu schreiben bin ich unzufrieden und das merkt man dann auch ????.

MARKUS: Hast du einen festen Schreibplatz?

ANNA: Ja, ich habe das Glück eines eigenen kleinen Büros. Naja, meist gleicht es mehr einem chaotischen Archiv. Aber so habe ich alle Recherchen immer beisammen und kann auch mal Notizen liegen lassen, ohne dass sie jemanden stören. Den Katzen ist es egal ????sie schlafen auch gern auf Manuskripten. Bevorzugt dann, wenn ich etwas nachlesen muss.

MARKUS: Mit der Hand? Schreibmaschine oder Computer?

ANNA: Ich schreibe mit Papyrus Autor auf einem Mac und ich möchte gar nichts anderes mehr nutzen. Obwohl der kleine Chaot in mir ständig etwas per Hand auf einen Block kritzelt, der immer auf dem Schreibtisch liegt ????und hinter mir eine antike Schreibmaschine steht. Es steckt sogar ein Blatt Papier drin.

MARKUS: Schreibst du mit Musik oder muss es still sein? Falls mit: welche?

ANNA: Stille lenkt mich eher ab ????Ich brauche Musik zum Schreiben – und jede Menge Kaffee. Meistens läuft das Radio, für eine bestimmte Stimmung suche ich mir auch schon mal etwas Besonderes heraus. Gälische Songs von Runrig zum Beispiel.

MARKUS: EBook oder eines aus Papier?

ANNA: Definitiv Papier, wenn es geht sogar Hardcover. Ich besitze zwar einen Kindle, aber ich habe es noch nie geschafft, ein Buch darauf fertig zu lesen. Ich möchte umblättern und das Papier riechen. Ich glaube, Schuld daran ist mein Vater. Er war von Beruf Schriftsetzer und ich bin in der Zeitungswelt groß geworden. Da gab es jede Menge Papier, Druckerschwärze und eine Rotation. Das hat mich geprägt.

MARKUS: Welches Buch hast du als Letztes gelesen?

ANNA: Ich bin gerade dabei, insofern ich noch dazu komme. „Der eine Mann“ von Andrew Gross, davor „Ohne Schuld“ von Charlotte Link. Ich bin selbst ein leidenschaftlicher Thriller-Leser. ????wobei „Der eine Mann“ nicht unter dieses Genre fällt.

MARKUS: Welches Buch hast du nicht fertiggelesen?

ANNA: So leid es mir tut, aber ich habe „Blind Date“ von Joy Fielding tatsächlich liegen lassen. Das Buch hat mich nicht gepackt, obwohl Joy für mich ein Vorbild ist und es auch immer bleiben wird.

MARKUS: Wie weit ist dein nächstes Projekt und möchtest du ein wenig davon berichten?

ANNA: Gerne. ????Es geht wieder nach Schottland, aber wir verlassen Edinburgh. Ich habe lange mit mir gehadert und es fiel mir nicht leicht, aber die Geschichte passt eher in die rauen Highlands, eine einsame Welt voller Geheimnisse und Mythen. Das Leben in den kargen unberechenbaren Bergen kann hart sein und das wird auch mein Protagonist zu spüren bekommen. Genauer geht es in ein kleines Fischerdorf in der Nähe einer verlassenen Psychiatrie … Es wird nicht weniger düster und das neue Projekt hat auch einige kleine Horroranteile, auf die ich mich sehr freue ????und von denen ich hoffe, dass ich sie auch umsetzen kann.

MARKUS: Abschließende Worte?

ANNA: Ich möchte mich ganz herzlich bei Dir für die Möglichkeit bedanken und Dir für Dein eigenes Projekt einen guten Start und alles Gute wünschen. ????Abschließen möchte ich gern mit den Worten, die Joy einmal in einem Interview während eines Kongresses gesagt hat: Warum schreiben wir? Weil es das ist, was wir sind ????

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